Nach den vielen Reaktionen auf unser erstes VR-Video auf LinkedIn kamen immer wieder dieselben Fragen: Ist das jetzt wirklich die neue Normalität? Wohin entwickelt sich die Technologie? Ist der richtige Moment gekommen, um einzusteigen? Um tiefer einzutauchen, habe ich Christoph zusammen mit Michaela erneut ins Gespräch geholt. Christoph arbeitet seit Jahren mit Enterprise-Kunden an Virtual-Reality-Lösungen, und unsere Diskussion reicht von der reifenden Hardware- und Software-Landschaft bis zu der Frage, wie sich ein Workshop in VR wirklich anfühlt und warum der Arbeitgeber der Zukunft nicht mehr nur ein Gerät verteilt.
Vom Prototyp zum echten Produkt#
Vor rund vier Jahren, als Michaela und ich das erste Mal gemeinsam an einem VR-Projekt arbeiteten, fühlte sich jeder Einstieg in VR an wie das Aufbauen eines Home Gyms. Kabel, externe Sensoren, ein dedizierter Raum von drei mal drei Metern, ein leistungsstarker Rechner in der Ecke. Christoph stellt klar: Diese Welt ist vorbei.
Vor allem in den letzten sechs Monaten sieht er, wie die Technologie einen Wendepunkt erreicht hat. Die Adoption im Unternehmen hat sich so stark beschleunigt, wie es vor einem Jahr noch nicht absehbar war. Was früher Prototyp war, ist heute echtes Produkt. Die Hardware ist benutzerfreundlich und skalierbar verfügbar, Use Cases sind replizierbar, und das Software-Ökosystem rund herum reift. Die letzten zwölf Monate waren, wie er sagt, entscheidend.
Das ist deshalb so wichtig, weil die Reibung rund um die Technologie immer der eigentliche Bremsklotz war. Nimm diese Reibung weg, und die Dinge, die grundsätzlich funktionieren, funktionieren plötzlich im grossen Stil, über Abteilungen und Prozesse hinweg.
Keine aufgemotzte Videokonferenz#
Einer der klarsten Punkte im Gespräch war Christophs Aussage, was VR nicht ist. Es ist keine bessere Kamera. Es ist kein besseres Mikrofon. Und es ist ganz sicher keine aufgemotzte Videokonferenz, bei der alle ein Headset aufsetzen, um gemeinsam auf einen geteilten Screen zu starren. Wer VR so einsetzt, wird den Change-Management-Aufwand niemals rechtfertigen können.
Was VR wirklich liefert, ist eine fundamental andere Form des Zusammenseins. Selbst ein einfaches Meeting in VR fühlt sich persönlicher, fokussierter und verbindender an als das gleiche Meeting per Video. Dieses Gefühl von Präsenz ist das Fundament, und jeder weitere Nutzen stapelt sich darauf.
Als ich mich für dieses Gespräch in die VR-Umgebung eingeloggt habe, sass ich an meinem Schreibtisch, die Kaffeetasse neben mir. Aber es fühlte sich tatsächlich so an, als würde ich mit Christoph und Michaela an einem Tisch sitzen und mich unterhalten. Die beiden waren physisch weit weg, und trotzdem war die Interaktion persönlich.
Wo VR heute glänzt#
Der eigentliche Business Case liegt laut Christoph bei Meetings, die eine Videokonferenz nicht gut abbilden kann. Stell dir einen Workshop mit zwanzig Personen vor, in dem eine echte Entscheidung getroffen werden muss. Auf dem Videocall spricht eine Person zur Zeit, eine Information wird zur Zeit geteilt. Die Dynamik eines echten Teams in einem echten Raum fehlt komplett.
In VR kommt diese Dynamik zurück. Die Leute bilden Gruppen. Sie arbeiten parallel an Whiteboards. Sie bewegen sich im Raum. Sie diskutieren komplexe Daten, die sich um sie herum verteilen, statt sich auf einen kleinen Bildschirm zu quetschen. Entscheidungen, die sonst über mehrere Videocalls gezogen würden, passieren in einer einzigen immersiven Session.
Für genau diese Art von Meetings, komplexe Entscheidungen, strategische Workshops, datenintensive Diskussionen, ist laut Christoph die Amortisationszeit für die Headsets erstaunlich kurz. Das ist der ehrliche Business Case, nicht der Wow-Effekt.
Kompatibilität und kognitive Bandbreite#
Einer der spannenderen Punkte im Gespräch war Christophs Konzept der kognitiven Bandbreite. Ein VR-Meeting kann mehr Information tragen als die Arbeit einer einzelnen Person am Laptop, weil der Raum rund herum nutzbar wird. Eine Präsentation hier, ein Whiteboard dort, Datenvisualisierungen dazwischen. Man dreht den Kopf, statt Tabs zu jonglieren.
Das funktioniert allerdings nur, wenn VR keine Insel wird. Man kann keine Produktivitätsumgebung bauen, in die weder Daten hinein noch hinaus fliessen. Der Übergang von klassischen Tools zu VR muss fliessend sein, nicht binär. Workstreams müssen schrittweise in VR wandern können, genau dann, wenn die Use Cases sich bewähren, ohne dass die Organisation zwischen Legacy-Systemen und immersiver Zusammenarbeit wählen muss.
Diese Balance richtig hinzubekommen, ist die harte Produktfrage. Wie bringt man Konzepte aus der physischen Welt wie Whiteboards, Post-its und Screensharing hinein, ohne die Möglichkeiten von VR zu beschneiden? Genau an dieser Stelle unterscheiden sich gute Lösungen von Spielereien.
Die Frage nach dem Raum#
Ein Detail aus unserem letzten Gespräch ist mir hängen geblieben: die Kosten von physischem Raum. Unternehmen halten grosse Büroflächen, und in den letzten Monaten stand ein Grossteil davon schlicht leer. Gute Meetingräume mit Whiteboards, Bildschirmen und genug Platz, um sich zu bewegen, sind in grossen Städten teuer, und man zahlt oft für Kapazität, die man nur selten voll nutzt.
In VR ist Raum praktisch gratis replizierbar und umgestaltbar. Ein kleiner Raum für ein fokussiertes Zweiergespräch, ein grosser Saal für die Firmeninfo, eine Bergterrasse mit Blick auf den See für das strategische Offsite, und das alles ohne dass jemand umziehen muss. Die Psychologie eines Raumes prägt, wie Menschen miteinander arbeiten, und in VR kann man die Umgebung wählen, die wirklich zum Meeting passt.
Der Arbeitgeber der Zukunft#
Gegen Ende des Gesprächs kamen wir auf einen Beitrag zurück, den Christophs Team über den Arbeitgeber der Zukunft geschrieben hat. Ihr Kürzel dafür ist SLH: Smartphone, Laptop, Headset. Die Idee ist nicht, dass VR alles andere ersetzt. Tut sie nicht.
Niemand wird acht Stunden am Stück im Headset verbringen. Videokonferenzen, Chat und Mail bleiben für das, wofür sie gut funktionieren. Aber für eine bestimmte Art von Meetings, Strategie, Workshops, immersive Team-Events, Networking, wird VR zum richtigen Werkzeug. Der Arbeitgeber der Zukunft rüstet Menschen mit dem richtigen Instrument für den richtigen Zweck aus.
Damit ändert sich auch, wie wir über Geografie denken. Christoph hat einen Punkt gemacht, der bei mir hängen geblieben ist: In zwanzig Jahren blicken wir vielleicht auf die heutige Zeit zurück als etwas Barbarisches, weil so viele Menschen gezwungen waren, zwischen Familie und Karriere zu wählen, nur weil ihr Job an eine Stadt gebunden war. Das Versprechen von VR und Spatial Computing ist, dass Arbeitgeber mit den Menschen zusammenarbeiten können, die sie wollen, egal wo diese sind. Arbeit wird dadurch gerechter, nicht dystopischer.
Was mir fehlt, und was VR zurückgibt#
Während der Pandemie habe ich nicht die formalen Meetings vermisst. Die sind ohne grössere Schmerzen in Videokonferenzen gewandert. Was mir gefehlt hat, war der Schwatz an der Kaffeemaschine, das ungeplante Gespräch im Flur, die soziale Verbindung, die fast nebenbei entsteht. Diese informellen Momente sind die eigentlichen Verlierer vollständig remote organisierter Arbeit.
Am Abend vor unserem Gespräch war ich an einem Meetup in VR. Ich bin an einen Tisch gelaufen, habe mich in ein Gespräch eingeklinkt, und plötzlich hatte ich das Gefühl, die Leute am Tisch zu kennen. Ich konnte sie hören, sie spüren, ihre Präsenz wahrnehmen. Genau der Teil von Präsenz-Arbeit, den Videocalls nie wirklich ersetzen konnten, kommt in VR zurück.
Das heisst nicht, dass VR echten menschlichen Kontakt ersetzt. Aber für die Momente, in denen wir nicht im selben Raum sein können, und für die globale Zusammenarbeit, die immer mehr zur Norm wird, liefert VR etwas, das der Realität näher kommt als alles, was wir bisher hatten.
Die verbleibenden Hürden#
Ich will nicht so tun, als wäre die Technologie fertig. Die grösste Hürde, die ich sehe, und das höre ich auch von Freunden und Kolleginnen, ist schlicht das Gerät. Man muss eines besitzen, aufsetzen, einrichten. In dem Moment, in dem Software entsteht, mit der Teilnehmende auch über den normalen PC in eine VR-Session einsteigen und den Raum simulieren können, wird die Adoption deutlich zulegen.
Die zweite Hürde ist, dass wir noch lernen, welche Meetings in VR gehören und welche nicht. Jede Organisation muss experimentieren, um herauszufinden, wo die Technologie Wert liefert und wo nicht. Nicht jeder Use Case funktioniert überall, und das ist in Ordnung. Entscheidend ist die Bereitschaft, es auszuprobieren.
Christoph hat hier einen ermutigenden Punkt gemacht. Bei seinen Kunden sieht sein Team mittlerweile klare Aktivierungsmomente. Ein erstes Social Event, ein erster Workshop, eine erste strategische Präsentation in VR, und die Konversionsrate der Menschen, die das danach in ihre eigenen Teams tragen wollen, ist sehr hoch. Sobald Menschen es erlebt haben, löst sich ein grosser Teil der Skepsis auf.
Die Welle mitnehmen, nicht hinterherlaufen#
Meine abschliessende Empfehlung ist einfach: ausprobieren. Wir stehen an einem Kipppunkt. Das Wachstum sieht im Moment exponentiell aus, auch wenn es von aussen noch wie eine flache Kurve wirkt, weil der Markt der Arbeit so riesig ist. Innerhalb der nächsten sechs bis zwölf Monate erwarte ich eine spürbare Zunahme von Meetings und Events in VR.
Wenn du als Organisation Spatial Computing noch nicht auf deiner Landkarte hast, ist jetzt der Moment, es dort einzutragen. Nicht wegen Hype, sondern weil die Firmen, die es einführen, es nicht als Spielerei nutzen. Sie setzen es ein, um schneller zu entscheiden, über Geografien hinweg flexibler zu arbeiten und Teams zu bauen, die nicht mehr an Orte gebunden sind.
Wie ich am Ende des Gesprächs gesagt habe: Smart Working der Zukunft heisst VR. Sei mutig und mach den Schritt. Wer in der ersten Welle mitreitet, gestaltet, wie die eigene Organisation die Technologie nutzt. Wer wartet, bis die Welle vorbei ist, tut sich beim Aufholen schwer.
Wichtigste Erkenntnisse#
VR hat einen Wendepunkt überschritten. In den letzten zwölf Monaten ist die Technologie vom Prototyp zum echten Produkt geworden. Hardware ist benutzerfreundlich, Use Cases sind replizierbar und das Software-Ökosystem ist gereift.
Bau keine aufgemotzte Videokonferenz. Der Wert von VR liegt im Präsenzgefühl und in der dynamischen Zusammenarbeit. Wer VR nur als Screensharing nutzt, rechtfertigt den Aufwand der Einführung nicht.
Starte dort, wo VR glänzt. Komplexe Entscheidungen, strategische Workshops, datenintensive Diskussionen und Team-Events bringen den schnellsten Return. Nicht jedes Meeting muss in VR.
Plane Integration, keine Insel. Workstreams müssen schrittweise in VR wandern können. Daten müssen rein und raus fliessen. Behandle den Übergang als kontinuierlich, nicht als binär.
Denke an den Arbeitgeber der Zukunft als SLH. Smartphone, Laptop, Headset. Das richtige Werkzeug für die richtige Interaktion, statt alles in einen Kanal zu zwängen.
Senke die Erfahrungshürde. Organisiere einen ersten kleinen VR-Event für dein Team. Der Aktivierungsmoment, wenn Menschen Präsenz in VR selbst erlebt haben, zieht deutlich mehr Adoption nach sich als jedes Verkaufsargument.
Verpass den Zug nicht. Exponentielles Wachstum sieht von aussen anfangs flach aus. Wer sich jetzt informiert und erste Pilotprojekte fährt, ist denen, die warten, über Jahre hinweg voraus.
